HomeWir über unsPositionen des THGDas achtjährige Gymnasium („G8“)

Das achtjährige Gymnasium („G8“)

Keine Frage – das Abitur ist in acht Jahren zu schaffen und im internationalen Vergleich sinnvoll. Reformen des Bildungssystems sind dringend notwendig, denn Schule hat veränderte Lebensbedingungen und Lernvoraussetzungen aufzunehmen und abzubilden. Doch aus Sicht des THG hat G8 noch folgende Probleme:
  • Hohe Wochenstundenbelastung in der Unter- und Mittelstufe
  • Früher Beginn der zweiten Fremdsprache
  • Das „Sprachenparadoxon“
  • Übergang Realschule – Gymnasium

Wochenstundenbelastung

Mehr als 30 Wochenstunden und damit Nachmittagsunterricht sind nicht neu. Auch im alten „G9“ haben Schüler im sprachlichen Profil in den Klassenstufen 9-11 zwischen 32 und 36 Wochenstunden Unterricht.

Doch jetzt stehen durchschnittlich 34 Stunden auf dem Stundenplan, damit bis zur 10. Klasse die von der Kultusministerkonferenz festgelegten 204 Gesamtwochenstunden erreicht werden, d.h. Nachmittagsunterricht ist auch schon in der Unterstufe üblich.

  • Wie können freiwillige Arbeitsgemeinschaften (z.B. Chor, Orchester) erhalten werden?
  • Welche Auswirkungen hat G8 für den bislang privaten Nachmittag?
  • Wie sieht die Betreuung der Schüler nach dem Vormittagsunterricht aus und welche Möglichkeiten bietet das Schulgelände?

Die Lösung am THG

  • Nicht jede der insgesamt 11 Pool-Stunden, über welche eine Schule selbst verfügen kann, bedeutet Unterricht für jeden Schüler einer Klasse.
  • Wir zählen Lehrer-Wochenstunden, nicht Schüler-Wochenstunden: durch Teilung der Klasse in bestimmten Fächern wie Naturphänomene, ITG oder Schwimmen werden zwar 33 Wochenstunden in einer 5. Klasse unterrichtet, jeder Schüler hat aber nicht mehr als 31 Stunden pro Woche. 5. Klassen habe in der Regel nur ein Schulhalbjahr an einem Nachmittag zwei Stunden Sport.
  • Wenn es einen „langen“ Tag gibt (z.B. in Klasse 6), steht an diesem Tag nach Möglichkeit eines der Fächer Sport oder Bildende Kunst auf dem Stundenplan.

Wir wollen unser Schulcurriculum weiter entwickeln und künftig im Poolstundenbereich auf „Wahlpflichtangebote“ setzen. Im musischen oder naturwissenschaftlichen Bereich findet damit jeder Schüler seine Interessen und Neigungen am besten berücksichtigt. Es bleibt dann genügend „Muse“ für Chor, Orchester, Theater- und Sportgruppen sowie für naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften – beste Voraussetzung für Förderung und Persönlichkeitsbildung unserer Schüler!

Beginn der zweiten Fremdsprache

Im Schuljahr 2005/06 konnte ein direkter Vergleich zwischen dem Beginn der zweiten Fremdsprache in Klasse 7 (G9) und dem vorgezogenen Beginn in Klasse 6 (G8) gezogen werden. Das THG hat deshalb in Französisch dieselben Kollegen in beiden Klassenstufen eingesetzt.

Die Erfahrungen sind eindeutig:

  • In den 7. Klassen können Schüler aus bekannten Vokabeln die Aussprache und Bedeutung ähnlicher Worte erschließen. Schüler in der 6. Klasse beherrschen diese logisch-abstrakten Fähigkeiten in der Regel noch nicht.
  • In den 6. Klassen wird Englisch und Französisch häufig verwechselt, weil die erste Fremdsprache noch nicht hinreichend gefestigt ist, während die Siebtklässler diese Probleme in wesentlich geringerem Umfang haben.

Der Beginn der zweiten Fremdsprache bereits in Klasse 5 ist aus Sicht des THG für die meisten Schüler nicht sinnvoll:

  • Die Erfahrungen im Umgang mit der ersten Fremdsprache in der Grundschule lassen keine sichere Prognose für die zweite Fremdsprache zu, weil diese – Französisch wie Latein – wesentlich formenreicher ist als Englisch und weil Sprachen im Gymnasium nicht mehr „spielerisch“ gelernt werden können, sondern harte Vokabel- und Grammatikarbeit notwendig ist.
  • Im Alter von zehn Jahren sind die logisch-abstrakten Fähigkeiten, die zum Erlernen einer weiteren, formenreichen Fremdsprache notwendig sind, noch nicht ausgebildet.
  • Das Gymnasium kann zum Aufnahmezeitpunkt nicht kompetent und individuell beraten, weil wir die Grundschüler und ihr gymnasiales Lernverhalten überhaupt nicht kennen und beurteilen können.

Aus diesen Gründen beginnen wir am THG mit der zweiten Fremdsprache erst in Klasse 6 – aus unserer Sicht immer noch ein sehr früher Beginn.

Das Sprachenparadoxon

Ein Vergleich der Unterrichtsstunden in G8 und G9 zeigt, dass die erste und zweite Fremdsprache durch die Umstellung am meisten Stunden verloren haben. Von Klasse 5 bis 11 standen in G9 für Sprachen 50 Wochenstunden auf dem Programm, während die Kontingentstundentafel in G8 nur noch 40 Stunden vorsieht: minus 20 Prozent - keine andere Fächergruppe hat so stark verloren, während z.B. die Naturwissenschaften so gut wie keine Einbußen haben! Ein Grund ist der Beginn der ersten Fremdsprache bereits in der Grundschule.

Wir befürchten nun folgende paradoxe Auswirkung:
Durch den frühen Beginn der zweiten Fremdsprache und durch den schnelleren Lernfortschritt auch in der ersten Fremdsprache ist gerade die Unterstufe sehr sprachenbetont. Es droht also eine frühe und letztlich ungewollte Selektion: just jener experimentierfreudige, mathematisch - naturwissenschaftlich begabte Junge, der mit Sprachen eher wenig am Hut hat, muss eine hohe Eingangshürde überwinden und profitiert überhaupt nicht von einer Stundentafel, die ihn längerfristig begünstigen würde, weil er bereits sehr früh an den Fremdsprachen scheitern kann.

Wir sehen darin weder eine Stärkung der Sprachen noch der Naturwissenschaften und halten diese drohende Selektion unter dem Aspekt der Chancengleichheit für sehr problematisch.

Was das THG dagegen tut

In den Klasse 5, 6 und 7 werden drei Poolstunden für das Fach Englisch eingesetzt. Diese zusätzlichen Englischstunden in Klasse 5 und 6 werden in doppelter Weise genutzt:

  • um den Lehrstoff langsamer und mit mehr Übungszeit zu unterrichten und
  • das geografische Fachvokabular vorzubereiten, das im Bilingualzug ab Klasse 7 benötigt wird, wenn Erdkunde auf Englisch unterrichtet wird.

Damit wollen wir sowohl den schwächeren Sprachenschülern gerecht werden, die gerade am Anfang mehr Übungszeit benötigen, wie auch denen, die nach der 6. Klasse in den Bilingualzug wechseln wollen.

Übergang Realschule - Gymnasium

Bisher galten die Klassen 5 und 6 als „Orientierungsstufe“, in der auch der Übertritt von der Realschule auf ein Gymnasium bei guten Leistungen problemlos möglich war. Fehlentscheidungen bei der Wahl der weiterführenden Schulart ließen sich so leichter korrigieren.

Mit dem früheren Beginn der zweiten Fremdsprache am Gymnasium wird dieser Weg sehr schwierig, weil ein Realschüler die zweite Fremdsprache selbstständig nachlernen müsste.

Die Durchlässigkeit der Schularten in beide Richtungen ist gerade in einem gegliederten Schulsystem unverzichtbar. Da über die weiterführende Schule bereits am Ende der vierjährigen Grundschulzeit entschieden wird, muss es Möglichkeiten zur Korrektur geben!

Zwar ist mit der Einführung von G8 die Durchlässigkeit der Schularten zumindest in eine Richtung geringer geworden, aber die vielfältigen Anschlussmöglichkeiten im baden-württembergischen Schulsystem halten immer noch alle Möglichkeiten offen.

Deshalb empfehlen wir Realschülern, auch bei sehr guten Leistungen den eingeschlagenen Weg beizubehalten und nach 10. Klasse auf ein berufliches Gymnasium zu wechseln. Schüler, die in der Realschule Französisch als Wahlpflichtfach gewählt haben oder im beruflichen Gymnasium ab Klasse 11 eine 2. Fremdsprache (Französisch, Spanisch oder Italienisch) belegen, erreichen auch auf diesem Weg die allgemeine Hochschulreife. Sie brauchen dafür zwar ein Jahr länger als im allgemein bildenden Gymnasium. Aber ist ein glückliche Kindheit und Jugendzeit ohne erzwungenen Bruch in der Schullaufbahn nicht wichtiger?